Schamanisch Menschliches
Standesdünkel
Der sich in unseren Breiten mittlerweile eingebürgerte Begriff Schamane bezeichnet Menschen, die einen starken Bezug zur Natur, zu Mutter Erde besitzen und ebenso auch in Kontakt mit der so genannten Anderswelt stehen. Kurz gesagt also die Verbindung haben zu den Dingen zwischen Himmel und Erde, zu einem Sein auf nichtmaterieller Ebene.
Und vielleicht gerade dieser Kontakt zu für viele Menschen nicht be-greifbaren Sphären macht es dem Schamanen so wichtig, ganz besonders gut geerdet zu sein. Also genug Bodenhaftung, genug energetische aber auch emotionale Verbindung zur Natur, zur Schöpfung zu behalten – letztlich Mensch zu bleiben.
Es wird viel über Schamanen geschrieben in neuerer Zeit und sie sind vermehrt in das Interesse der Öffentlichkeit gestoßen. Der Wandel der Zeit und vor allem der Wandel der westlichen Gesellschaft macht dies erst möglich. Dadurch haben viele in unserem Kulturkreis Lebende erst erkennen können, dass ihr bisheriges Tun im Grunde nicht wesentlich vom Leben und Tun eines Schamanen aus indigenen Völkern abweicht. Sie haben sich selbst als Schamanen erkannt oder zumindest einen Namen erhalten, der ihrem Tun eine gewisse Legitimation in unserer Gesellschaft gibt.
Das Erkennen des inneren Strebens machte es möglich, Tür und Tor zu öffnen, um in die Schuhe zu gelangen bzw. zu wachsen, zu denen man sich vielleicht schon immer hingezogen fühlte. Nur gab es eben bislang für Menschen aus eigenen Reihen noch nicht das sog. öffentliche Zugeständnis aus der Gesellschaft zu schamanisieren. Das sei doch schließlich ein Privileg für ganz wenige „besondere“ Menschen – war und ist teilweise noch vorherrschende Meinung und fast einem Gesetz gleichkommende Einstellung in vielen Köpfen.
Dass das Wort „Schamane“ aus dem Tungusischen stammen soll liest man in fast jeder einschlägigen Abhandlung. Diese Schamanen, so heißt es, bringen Heil auf eine einzigartige und nur diesen mögliche Weise. Das zumindest ist die Meinung, die sich durch Bücher, Internet, diverse Publikationen und natürlich auch durch die Köpfe vieler derart geeichter Menschen zieht. Es ist wie immer, Exotisches birgt nun einmal einen besonderen Reiz und den möchte man ob bewusst oder unbewusst gerne so beibehalten. Das geht für manche eben nur durch Aufrechterhaltung eines Mythos. Eben dem Mythos Schamane – unerreicht und unerreichbar ..sozusagen.
Nach Durchforstung einer großen Zahl von Büchern zum Thema sowie einschlägigen Zeitschriften und Internetseiten bin ich teils sogar auf wortwörtlich gleichlautende Passagen gestoßen. Ganz besonders auffällig wird die Einheitssuppe in Büchern. Schauen Sie bei Gelegenheit doch einmal die in den Anhängen erwähnten Literaturlisten nach. Erstaunlich, dass die meisten Bücher überhaupt eine solche Liste haben. Denn wozu benötigt man eine solche Liste, wenn doch über Dinge berichtet wird, die zumindest erstrangig eigenes Gedankengut oder eigene Erfahrungsberichte sein sollten?
Dieser Gedankengang soll keine abwertende Haltung sein. Denn etliche dieser Bücher sind auf alle Fälle bereichernd und können lehrende Funktion einnehmen. Nur festigt das geschriebene Wort eben auch einen gewissen Standesdünkel, der dort nur allzu gern gepflegt wird.
Zurück zum Titel „Schamane“. Auf der einen Seite ist der Begriff Schamane wie ein Feuerwerk multipliziert worden - es gibt Schamanen nun in jeder Stadt. Auf der anderen Seite aber weiß man auch, dass die als solche ausgewiesenen Menschen in ihrer Heimat meistens ganz anders genannt werden. Interessanterweise ist dieses Wort, diese Bezeichnung in unserer Gesellschaft zu einem fast ehrwürdigen Doktortitel erhoben worden. NUR dazu bestimmte Menschen dürfen diesen Titel tragen. Manchen Menschen kommt es einer Lästerung gleich, wenn sich ein „Normalsterblicher“ erdreistet, Schamane zu nennen, weil er eben die gleichen Wege geht und gleiche Fähigkeiten besitzt - aber eben keinen Doktorvater, sorry Ahnenschamanen, aufweisen kann oder gar bereits dem Tode knapp entronnen ist.
In vielen alten Kulturen, wie auch in der Kultur unserer Altvorderen wurde altes Wissen nur an wenige ausgewählte Menschen übergeben. Unsere westliche Gesellschaft und ebenso auch die Menschen ursprünglicherer Kulturen sind jedoch im Wandel begriffen. Und so öffnen sich immer mehr Menschen den Dingen zwischen Himmel und Erde. Es ist nicht mehr ein Geheimnis oder Vorrecht nur dazu Bestimmter zu erkennen, dass alles beseelt ist und ein Dialog von Seele zu Seele stattfinden kann. Fast noch interessanter ist im Zusammenhang mit der Namensvergabe die Tatsache, dass immer mehr Menschen nun die Möglichkeit haben. zu den schamanischen Wegen, die sie schon zuvor beschritten, jetzt auch stehen können. Ihr Tun hat einfach einen Namen bekommen. Denn letztlich ist eine Einweihung nichts, dass durch den Menschen bestimmt wird – es ist etwas Intimes zwischen Schamane und der Anderswelt und bedarf somit keiner Zustimmung oder Erlaubnis durch eine andere Person.
So mancher erwartet einen in Gewändern wandelnden Schamanen mit unglaublich viel Ausstrahlung (wie immer die dann definiert wird) und einem „Boah-Effekt“ zu begegnen. Alle anderen, die sich als Schamane bezeichnen und schamanische Wege beschreiten aber nicht diesem Bild entsprechen, werden da nahezu als Frevler bezeichnet.
Dabei ist es in diesen indigenen Kulturen oftmals so, dass schlicht und einfach ein Schamane seine besondere Stellung halten muß, mit ganz unterschiedlichen Mitteln. Schamane zu sein, bedeutet Verantwortung zu tragen und das wiederum birgt ebenso ein enormes Machtpotential. Da machen eben Kleider nun einmal Leute – hier wie dort. Menschen in Natur-Kulturen leben nun einmal viel enger mit den Elementen und auch mit der Sprache der Bilder, der Ritualsprache und auch mit der Sprache der Mythen und Überlieferungen, die meistens nicht schriftlich festgehalten sind. Rituale geben dort – wie überall auf der Welt – einen sehr wichtigen Rahmen, einen Halt eine Ausrichtung und Sicherheit. Rituale beeindrucken das berühmte innere Kind. Der Ausdruck „Inneres Kind“ entspringt übrigens einer westlichen Denkart, der westlich geprägten Psychologie. Diese widerum baut auf Meinungen einiger weniger Menschen auf, was sich im Laufe der Zeit zu einer Lehrmeinung gemausert hat. Lehr-meinungen haben die Tendenz sich zu Gesetzen zu formen, ähnlich dem Spruch:
„Die Vermutungen an die wir glauben, werden zu Wahrheiten mit denen wir leben.“
Auf ganz ähnliche Weise verhält es sich auch in den indigenen Kulturen. Rituale, Ansichten und Traditionen sind im Laufe der Zeit zu unumstößlichen Wahrheiten geworden. Und diese wiederum bleiben nur am Leben, wenn sie immer und immer wieder genährt bzw. wiederholt werden.
Ein Medizinmann, ein Schamane muß beeindrucken – will er seine Position behalten. Entweder durch besondere Kleidung, durch eine veränderte Einstellung zu den Dingen, also durch eine besondere Sicht und besonders durch effektvolle Rituale. So kann er seine Sonderstellung halten. Was anderes sollte er denn sonst machen? Er kann nicht plötzlich wieder normal - sogesehen: „niemand“ sein. Das würde vermutlich zu einer gewissen Ächtung führen. Nach dem Motto: der war nur ein Blender und wer weiß ob er überhaupt was anderes hinbekommt. Wenn er ganz viel Pech hat, könnte es ihm passieren, dass man ihm unterstellt, er hätte seine Sippe nur zum Besten gehalten. Wer also in gewissen Traditionen den Weg des Schamanen geht, muß ihn fast schon zu Ende gehen.
Andererseits gibt es ebenso Kulturen, deren Schamanen ihr Können mehr oder weniger als Nebenerwerb anbieten und ansonsten im Alltäglichen einem normalen Broterwerb nachgehen. Das ist meines Erachtens der realistischste und sinnvollste Weg – ganz besonders in unserer westlich geprägten Welt. Allerdings kann das den Nachteil bergen, dass eben nicht ein so großer Teil der Zeit für Wissenserweiterung und Erprobung der Fähigkeiten aufgewendet werden kann. Letztlich gibt es kein falsch oder richtig, massgeblich ist einzig die Effektivität. Heiler und Heilsuchender sind Individuen und
jeder geht den Weg, den er gehen möchte, den er bereit ist zu gehen.
Trotz allem sollte der Blick über den Kreislauf des Lebens nicht vergessen werden. Jedes Volk hat seine Schamanen in verschiedenen Titulierungen und Funktionen. Und in jedem Volk wird und wurde geheilt, gelebt, gekränkelt und eben auch gestorben.
Viele Schamanen und andere Heiler sind übrigens fast durchweg sehr kreative Menschen und beschäftigen sich oftmals mit Schnitzereien, der Malerei, Geschichten erzählen, der Musik und anderen Künsten. Für welche Bezeichnung sie sich entscheiden oder unter welcher Funktion sie die Umwelt am offensichtlichsten wahrnimmt, sollte nicht durch Standesdünkel eingeengt werden. Schamanen kommunizieren mit anderen Welten, mit all den beseelten Existenzen und der großen Mutter Erde und müssen essen und trinken, weinen und lachen -
Schamanen sind auch nur Menschen.
© Annette Esposito